Die künstliche Besamung beim Pferd

von Dr.med.vet. Jörg Neubauer

 

 
Seit mehreren Jahrzehnten wird die Fortpflanzung in der Pferdezucht durch die künstliche Besamung bestimmt. Neue Möglichkeiten beinhalten aber auch neue Anforderungen. Zu diesem Thema schreibt hier Dr. med. vet.Jörg Neubauer, ehemaliger Stations-Tierarzt des Gestütes Kempke Hof.

Entnahme des Hengstsamens am sogenannten "Phantom" und anschliessende Qualitätsüberprüfung im Labor
Durch das Angebot hochkarätiger Hengste über Ländergrenzen hinweg können diese von den Züchtern auf der ganzen Welt genutzt werden. Bevor ein Hengst zum Einsatz in der Besamung kommt, wird er auf seine Eignung geprüft. Er muss frei von bestimmten ansteckungsfähigen Erkrankungen sein, und der Samen muss vorgeschriebenen Standards entsprechen. 
Sowohl Anzahl der Spermien, ihre Vorwärtsbeweglichkeit als auch ihr anatomischer Aufbau werden geprüft. 
Durch die Aufbereitung mit verschiedensten Verdünnern und einer entsprechenden Aufbewahrung des Samens (Kühlung, Aufbewahrung auf dem Schwenkmischgerät) kann man für viele Hengste eine Befruchtungsfähigkeit der Spermien bis zu vier Tagen erreichen. 


Frischsamen abgefüllt
und vorbereitet für den Versand

Viele Faktoren beeinflussen die Samenqualität, bis dieser zur Stute gelangt. Ist er dann angekommen, sind Tierarzt und/oder Besamungstechniker gefragt, ihn zum richtigen Zeitpunkt in die vorbereitete Stute zu bringen. 
Um den Hengst optimal auszunutzen bzw. so wenig Spermaportionen wie möglich verwenden zu müssen, wird heute in den meisten Fällen eine gynäkologische Untersuchung der Stute durchgeführt.

Beim Natursprung findet dies oft nur in der Form statt, dass die Stute abprobiert wird. Wichtige Zeichen sind das Verhalten der Stute, das sogenannte Blitzen, die Form der Scheide und Farbe sowie deren Schleimhaut. Zusätzlich gibt eine durch den Tierarzt durchgeführte Follikelkontrolle Auskunft über den optimalen Zeitpunkt der Bedeckung/ Besamung.

Äußere Rosse-Anzeichen sind die Form des Muttermundes und die Größe und Form des Follikels. Eine Bedeckung/Besamung 12 Stunden vor dem Platzen des Follikels ist zur Erzielung einer Trächtigkeit am günstigsten. Auf einer Station, auf der der Hengst aufgestellt ist oder der Samen gelagert wird, kann sofort nach der Follikelkontrolle die Bedeckung/Besamung vorgenommen werden.

Beratungsgespräche mit dem Züchter sind sehr wichtig

Bei der Hofbesamung muss der Tierarzt zwei Tage im voraus den Eisprung bestimmen können, weil erst nach der Bestellung und dem Versand eine Besamung erfolgen kann. Bei der Besamung mit Tiefgefriersperma ist es notwendig, die Besamung zeitlich noch dichter an den Eisprung heranzubringen. Mehrmalige Follikelkontrollen am Tag müssen deshalb durchgeführt werden. Neben einer artgerechten Haltung und Fütterung spielt der Gesundheitszustand der Stute eine entscheidende Rolle. Die Aussage, dass die entnommene Tupferprobe ohne einen bakteriellen Befund ausfiel, sagt nichts über den Allgemeinzustand der Stute, über hormonelle Störungen oder Unregelmäßigkeiten in der Gebärmutter aus.

 
Wenn ein ganztägiger Weidegang nicht möglich ist, sollte wenigstens die Möglichkeit des stundenweisen Auslaufs geschaffen werden. Damit wird man außer einer Frischluftzufuhr und artgerechter Bewegung auch der positiven Stimulation der Fruchtbarkeit durch das Tageslicht gerecht. Das Futter einer Zuchtstute sollte in entsprechender Menge und Qualität zugeführt werden. Grünfutter, qualitätsvolles Heu, Möhren, Gras- und Mais-Silage, Hafer und ein speziell für Zuchtstuten zusammengestelltes, mit Vitaminen und Mineralstoffen versehenes Mischfutter sind empfehlenswert.

 
Die Fütterung der Zuchtstute sollte dem jeweiligen Fruchtbarkeitsstadium angepasst sein. So benötigen güste und niedertragende Stuten weniger energie- und einweißreiches Futter. 
Hochtragende und besonders laktierende Stuten müssen in ihrer Ration bis zum Doppelten an verdaulicher Energie und bis zum Dreifachen an verdaulichem Rohprotein erhalten.


exakte Verarbeitung der Besamungsdaten und Angaben zur Samenqualität: ein absolutes Muss bei der künstlichen Besamung

Bevor die Stute dem Hengst zugeführt oder künstlich besamt wird, sollten vom Züchter einige Voraussetzungen geschaffen werden. 
Der allgemeine Gesundheitszustand der Stute und die Gesundheit und Funktionalität der Fruchtbarkeitsorgane im Speziellen müssen überprüft werden. Dass eine regelmäßige Entwurmung dazugehört, soll nur nebenbei erwähnt werden. 

Bei einer Problemstute, die schon längere Zeit nicht tragend geworden ist, eine schwere Erkrankung hinter sich hat oder Erkrankungen der Geschlechtsorgane vorweist, sollte eine eingehende Untersuchung durch den Tierarzt vorgenommen werden.

Zur Untersuchung der Geschlechtsorgane gehört die äußerliche Besichtigung der Scham und des Stuteneuters. Hier festgestellte Veränderungen können gleich im Vorfeld abgeklärt werden. So wird häufig bei älteren Stuten ein mangelnder Schamschluss beobachtet, der zu einem ständigen bakteriellen Befall der Gebärmutter und damit zu einer chronischen Entzündung führen kann.

Durch einen chirurgischen Eingriff kann der mangelnde Verschluss beseitigt werden, Mit einem Spekulum können Scheidenvorhof und Muttermund beurteilt werden.


Eine tierzuchtmäßig vorgeschriebene Untersuchung für Stuten, die kein Fohlen bei Fuß haben, ist die Tupferprobe. Sie kann nur in der Rosse eine Aussage über den Keimgehalt in der Gebärmutter geben und sollte deshalb nur in diesem Zyklusstadium entnommen werden. Werden bei der Tupferprobe durch das Labor Bakterien festgestellt, kann nach der Erstellung eines Antibiogramms durch den Tierarzt eine entsprechende Behandlung vorgenommen werden. Eine rektale Untersuchung, bei der der Tierarzt über die Darmwand Gebärmutter und Eierstöcke abtastet, gibt Hinweise über den Zyklusstand der Stute. Eine bessere Diagnosestellung ist mit einem Ultraschallgerät möglich. Man kann Flüssigkeitsansammlungen in der Gebärmutter, in der Gebärmutterwand, Größenveränderungen und Zystenbildungen differenzieren. Am Eierstock kann man die Funktionskörper genauer untersuchen. Eierstockzysten, Blut-Ergüsse oder Tumore können diagnostiziert werden.


Eine weitere Untersuchungsmöglichkeit bei Problemstuten stellt die Probenentnahme aus der Schleimhaut der Gebärmutter dar. Über diese Untersuchungsmethode kann genauer Auskunft über krankhafte Zustände oder hormonelle Störungen im Bereich der Gebärmutter gegeben werden. Auch eine endoskopische Untersuchung der Gebärmutter, gerade beim Auftreten von Zysten und deren endoskopische Entfernung sind bei Diagnostik und Therapie hilfreich. Hormonelle Störungen können durch Blutuntersuchungen festgestellt werden.


Wenn alle Komponenten dieses Systems stimmen, kann der Züchter 16 bis 18 Tage nach der letzten Bedeckung die Fruchtblase als schwarzen Punkt auf dem Bildschirm des Ultraschallgerätes erkennen und mit der Geburt eines gesunden Fohlens rechnen.

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