Die Bedeutung des Kraftfutters beim Pferd

Von Urs Schweizer, UFA AG, CH- Frauenfeld

 

Die moderne Pferdehaltung mit ca. zwei bis drei Mahlzeiten pro Tag für das Pferd bedingt eine Intensivierung der Energiedichte des Futters beim Pferd, um beim Energiebedarf (Erhaltung und Leistung) kein Manko aufkommen zu lassen. Wie dies erreicht werden kann, ohne dass die Gesundheit des Pferdes darunter leidet, beschreibt Ihnen Fütterungsspezialist Urs Schweizer im Folgenden.
Der Organismus des Pferdes ist seit Jahrmillionen darauf ausgerichtet, den ganzen Tag lang, bis zu 18 Stunden am Tag, relativ nährstoffarme Futtermittel aufzunehmen und zu verdauen. Die dem arbeitenden Pferd angebotenen Futtermittel müssen dagegen aus zwei Gründen nährstoffreich, "energiedicht" sein: Einmal, weil dem Pferd durch die Arbeit oder durch fehlenden und wenn, meistens zu kurzen Weidegang, wenig Zeit für die Futtersuche und Futteraufnahme zugestanden wird. Zum zweiten, weil es trotz der verringerten Futteraufnahmezeiten Arbeitsleistungen vollbringen soll, so dass das Pferd also Energie nicht nur für den Erhaltungsbedarf (Funktion der lebenswichtigen Organe, Stoffwechsel etc.) sondern auch für die erbrachte Arbeitsleistung benötigt.

Steppentier Pferd bei der Futtersuche

Arbeitspferde bei ihrem täglichen Einsatz
Den Pferden ein Futter anbieten zu können, das die nötige Energiedichte aufweist, war die Voraussetzung für viele Kulturleistungen in der Geschichte des Menschen und der Pferde bis zur Mitte des letzten Jahrhunderts. Ohne die "Pferdestärke" hätte der Mensch weder schnell grosse Distanzen bewältigen noch schnell Transporte zu Lande vornehmen können.
Um dem Pferd die nötige Energie zuführen zu können wurde - soweit sichtbar - in allen Ländern der Erde das Getreidekorn benutzt: Es liefert die nötige Energiedichte für Erhaltung und Arbeit, seine Aufnahmezeit ist genügend kurz (wobei heute bei der langen Zeit der Stallhaltung eher wieder das Gegenteil gefragt ist), so dass das Pferd zu Arbeitsleistungen zeitlich freigestellt und energetisch befähigt ist.
 Freilich hat jede Kultur dabei dasjenige Getreide zum "Kraftstoff" stilisiert, das nach Boden, Klima und Agrartechnik am besten zu kultivieren war: im Orient war und ist dies heute noch überwiegend die Gerste, im mittleren Osten auch die damaligen Vorläufer des heutigen Weizens (wobei hier anzumerken ist, dass sich Weizen, Roggen, Triticale etc. für die Pferdefütterung auf Grund ihrer Verkleisterung im Verdauungstrakt für Pferde nicht eignen).

Flockiertes Kraftfutter für Pferde
In Amerika wird für die Pferdefütterung hauptsächlich der Körnermais eingesetzt und in Asien erhalten die Pferde neben Gerste natürlich auch noch Reis. In Europa ( seit Beginn des 14. Jahrhunderts n. Chr.) hat sich vor allem der Hafer eingebürgert.
Wobei es hier zu bemerken gilt, dass der Hafer allein nach heutigen Erkenntnissen nicht mehr das alleinige Mittel der Wahl sein kann. Der Hafer verfügt zum einen über einen hohen Spelzenanteil, und damit über die für den Rohfaserfresser Pferd nötigen hohen Anteil an Rohfaser. Ausserdem bildet der Hafer bei der Verdauung nützliche Schleimstoffe und muss nicht unbedingt mechanisch aufgewertet werden (Quetschen) vor der Verfütterung. Klare Nachteile sind aber das völlig verkehrte CA : P Verhältnis des Hafers von 1 : 3 (richtig wäre 1.5 : 1) und somit ein unter Umständen bei starker Haferfütterung lebensgefährlicher Phospor-Überschuss, sowie eine schlechte Vitaminierung und mangelnder Gehalt an lebenswichtigen Aminosäuren.
Der Fachhandel bietet heute kompetente und nach neuesten Erkenntnissen zusammengemischte Fertigfutter von flockiertem Getreide mit einem optimalen Energie-Eiweissverhältnis und einer sinnvollen Ergänzung aller nötigen Vitamine und Mineralstoffen an.

Der Zusammenhang zwischen Getreidefütterung und intensiver Arbeitsnutzung des Pferdes ist offensichtlich; deshalb finden wir das intensiv genutzte Pferd (als Zug-, Trag- oder Reitpferd) in der Kulturgeschichte immer da, wo der Mensch sich sesshaft machte und den Acker bestellte. Nur durch Getreideanbau konnte die nötige Energiedichte des Pferdefutters hergestellt werden. Dabei blieb das Pferd auch bei intensivster Nutzung und intensivster Kraftfutter-Zufuhr immer in seinen Ernährungsbedürfnissen seiner ursprünglichen Heimat und Herkunft der Savannen- und Steppenlandschaft behaftet. Es muss also unbedingt beachtet werden, dass das Pferd aufgrund seiner Verdauung ein klarer Rohfaserfresser ist, für den das Kraftfutter (Getreide) der schwerer verdauliche, aber trotzdem nötige Teil seiner Fütterung darstellt. Um aber Probleme bei der Kraftfutterfütterung zu vermeiden und um die Funktionsfähigkeit des Verdauungstraktes aufrecht zu erhalten, sollten folgende Grundsätze beachtet werden:

1. Kraftfutter immer ca. 1/2 Stunde nach dem Raufutter verabreichen
2. Kraftfutter auf kleinere Rationen über den Tag (mind. 3 mal) verteilen
3. Dem Pferd mindestens 0,5 kg Rohfaser pro 100 kg Gewicht füttern

Als Orientierung über den Gehalt und Wert eines Kraftfutters kennen wir heute folgende Werte:

1. Verdauliche Energie Pferd (Kohlenhydrate) - Abkürzung VEP
2. Rohprotein (Protein) - Abkürzung RP
3. Verdauliches Protein Pferd (Protein) - Abkürzung VPP
4. Rohfaser (Cellulose) - Abkürzung RF
5. Calcium (Ca)
6. Phospor (P)

Die Bedarfswerte eines normal beanspruchten Reitpferdes von ca. 500 kg Gewicht ( 1,5 - 2 Stunden intensives Reiten pro Tag) liegen für die Erhaltung und Leistung bei ungefähr folgenden Werten:

* VEP 80 -96 MJ
* VPP ca. 470 g
* Ca ca. 27 g
* P ca. 18 g


Täglicher Weidegang sollte dem Pferd auch bei den heutigen Haltungsformen gewährt werden
Bei gesundheitsbewussten und physiologisch bewanderten Pferdehaltern stösst eine betonte Getreidefütterung auf berechtigte Bedenken vor allem dann, wenn ein teilweiser Eiweiss-Überhang nicht durch eiweissarme Zufütterung (zum Beispiel eiweissarmes, d.h. nach der Blüte der Gräser geerntetes Heu, Stroh oder Rüben) kompensiert und der Phosphorüberschuss nicht durch einen kalziumreichen Mineralstoff ausgeglichen werden kann. Auch alle diese Gründe sprechen für den Einsatz eines flockierten Mischfutters, welchem durch die ideale Zusammensetzung von Gerste, Mais und Hafer sowie der Ergänzung an Mineralstoffen und Vitaminen ein ausgewogener Gehalt verliehen wurde.
Es kann also jedem Pferdehalter, dessen Pferde einen hohen Bedarf an "Energiedichte" haben (z.B. stark trainierte Hochleistungspferde, Kutschpferde etc.) nur empfohlen werden, mit energiereichen Mischfuttern zu arbeiten, um die Kraftfuttermenge trotz hohem Energiebedarf mengenmässig tief zu halten. Damit können Verdauungs- und Stoffwechselstörungen durch einseitige Getreidefütterung und Mangelerscheinungen im Vitamin- und Mineralstoffbereich erfolgreich verhindert werden.
Das im Spitzensport eingesetzte Pferd benötigt ein energiereiches Mischfutter
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